
Jessica
Es war ein Dienstagvormittag im Juni, und die Hitze drückte so
schwer auf die Ebene, dass selbst die Zikaden nur noch träge
sirrten.
Eigentlich hätte Jessica in der stickigen dritten Reihe des
Biologieraums sitzen und sich Notizen über die Zellteilung
machen müssen. Stattdessen saß sie auf dem rissigen Betonsockel
der alten Bushaltestelle am Dorfrand, die Beine von sich
gestreckt, die Fersen in den vertrockneten Schotter gegraben.
In ihrer Tasche vibrierte das Handy. Schon zum vierten Mal.
Mamma. Sie sah nicht einmal auf das Display. Sie wusste
ohnehin, was kam, die Vorwürfe, die Tränen, die ewig gleiche
Frage, warum sie nicht einfach sein konnte wie die anderen.
Doch dieses »Wie die anderen« fühlte sich in dem Dorf an wie
eine Schlinge, die sich jeden Tag ein wenig enger zuzog.
Sechshundert Seelen, und hinter vielen Gardinen ein Urteil.
Salignano war kein Ort, an dem man sich verstecken konnte. Hier
kannte jeder jeden, und alle hatten längst entschieden, wer sie
war. Nicht ein Mädchen auf der Suche nach sich selbst, sondern
das Problemkind. Die Schulschwänzerin. Die, über die man beim
Bäcker tuschelte, während man die Taralli fürs Wochenende
einpackte.
Ein staubiger Ape knatterte um die Ecke, auf der Ladefläche
Kisten mit Tomaten, und Signor Marchetti von drei Häusern
weiter verlangsamte die Fahrt. Seine Augen verengten sich zu
Schlitzen, als er sie dort sitzen sah, und er schüttelte den
Kopf, diese kleine, vertraute Geste der Verachtung, die sie
inzwischen besser kannte als jedes freundliche Wort.
Sie wich seinem Blick nicht aus. Sie zog an ihrer heimlich
gedrehten Zigarette, blies den Rauch langsam in seine Richtung
und hob das Kinn, gerade genug, um ihm zu zeigen, dass seine
Verachtung sie nicht traf. Nicht sichtbar
jedenfalls.
Sie hatte gelernt, dass eine harte Schale der einzige Schutz
war in einer Welt, die nur darauf wartete, dass man
einknickte.
Der Ape knatterte weiter, das Geräusch verlor sich zwischen den
Olivenbäumen, und zurück blieb diese lähmende, ländliche
Stille. Sie strich sich eine dunkle Strähne aus dem Gesicht und
starrte auf die Landstraße, die sich wie ein graues Band durch
die vertrockneten Felder zog. In ihr saßen eine namenlose Wut
und die unbändige Sehnsucht nach irgendetwas, das diese Stille
endlich zerschlug.
Die Wut trug sie schon viele Jahre in sich. Genauer gesagt seit
einem Nachmittag, an dem es geregnet hatte, einer dieser
seltenen, warmen Sommerregen, die im Salento über die staubigen
Dächer ziehen und so schnell wieder verschwinden, wie sie
gekommen sind. Sie war zwölf gewesen und auf dem Dachboden,
hatte nach einem alten Fotoalbum gesucht und stattdessen einen
grauen Aktenordner gefunden. Nichts Besonderes. Kein Schloss,
kein Geheimfach, nicht einmal gut versteckt. Sie hätte ihn gar
nicht beachtet, wenn nicht ihr eigener Name auf dem Rücken
gestanden hätte. Jessica Marino.
Sie hatte ihn aufgeschlagen, und ein einziges Wort hatte ihre
Welt verschoben. Nicht explosionsartig, nicht wie in den
Filmen. Es war schlimmer. Es war ein Moment, in dem plötzlich
vieles Sinn ergab. Die Gespräche, die verstummten, wenn sie den
Raum betrat. Die Blicke ihrer Mutter. Die halben Fragen der
Nachbarn. Und dieses Gefühl, das sie nie hatte benennen können,
der Eindruck, irgendwie regelwidrig zu sein, als hätte jemand
ein Puzzleteil ins falsche Bild gelegt.
Adozione. Adoptiert. Ein Wort in schwarzer Tinte, ein Stempel,
ein Verwaltungsakt, und trotzdem hatte es sich angefühlt, als
würde irgendwer ihr Leben mit einem Radiergummi auslöschen.
Seitdem ließ die eine Frage sie nicht mehr los.
Wer bin ich eigentlich? Sie hatte sich ihre leibliche Mutter
ausgemalt, tausendmal, jedes Mal anders, eine Frau am Meer,
dann in einer fernen Stadt, eine Figur, in die sie alles
hineinlegen konnte, weil sie nichts über sie wusste. Und je
mehr sie an der eigenen Geschichte zweifelte, desto
fragwürdiger wurde alles andere. Die Schule. Die Eltern. Sie
selbst.
An jenem Dienstag im Sommer änderte sich etwas.
Es kündigte sich nicht mit einem Donnerhall an. Es war nur das
leise, untypische Schnurren eines Motors, tiefer und
kraftvoller als die müden Dieselmotoren der Dorfbewohner. Ein
Auto tauchte am Horizont auf. Schwarz, glänzend, ein absoluter
Fremdkörper auf dieser staubigen Landstraße. Und es wurde
langsamer, als es auf die Bushaltestelle zufuhr.
Das Auto rollte beinahe lautlos über den Schotter und kam exakt
vor der rissigen Bank zum Stehen. Ein tiefschwarzes Coupé,
sauber bis in die Radkästen, ohne den übliche Staub, als hätte
sich die rote Erde Salentos nicht getraut, es zu berühren. Die
getönten Scheiben warfen das gleißende Mittagslicht zurück, und
Jessica sah nur ihr eigenes, trotziges Gesicht, umrandet von
einem hellen Schein, als gehörte das Spiegelbild nicht ganz zu
ihr.
Einen Moment geschah nichts. Das dumpfe Summen der Klimaanlage
war das einzige Geräusch in der flirrenden Hitze. Jessica
bewegte sich nicht. Sie ließ die Zigarette locker zwischen den
Fingern hängen und tat, als wäre ein solcher Wagen an einer
verlassenen Bushaltestelle am Dorfrand das Alltäglichste der
Welt. Aber ihr Puls ging schneller, und sie wusste nicht,
warum, denn es war nicht nur das Auto.
Die Scheibe der Fahrerseite senkte sich mit einem leisen
Surren. Er nahm die Sonnenbrille ab, legte sie mit einer
beiläufigen Bewegung aufs Armaturenbrett und sah sie an.
Sie hielt unwillkürlich den Atem an und ärgerte sich sofort
darüber. Er war schön, das ließ sich nicht leugnen, auf eine
Art, die nichts mit den Jungs aus ihrer Klasse zu tun hatte,
nichts Weiches, nichts Unfertiges. Aber es waren nicht die
Wangenknochen und nicht die Schultern unter dem dunklen Stoff,
die sie gefangen nahmen. Es waren die Augen. Hell, klar und
kalt wie Wasser unter Eis. Trotzdem lag in der Art, wie er sie
ansah, etwas Ungeschütztes, das nicht zu seinem makellosen
Äußeren passte.
Und dann war da dieses beunruhigende Gefühl, ihn zu kennen.
Nicht aus dem Dorf, nicht aus dem Fernsehen, überhaupt nicht
von irgendwoher. Trotzdem war es da, absurd und beharrlich. Sie
hatte ihn nie zuvor gesehen. Also schob sie das Gefühl dorthin,
wo alles landete, was keinen Sinn ergab.
»Suchst du auch nach einer Gelegenheit, der Hitze zu
entkommen?«, fragte er. Seine Stimme war tief und ruhig, als
rechnete er nicht ernsthaft mit Widerspruch. Jessica zog an
ihrer Zigarette, verschränkte die Arme und sah ihn von der
Seite an. Sie schaltete auf stur, es war das Einzige, was sie
gegen ein Gefühl hatte, für das sie keine Erklärung
fand.
»Wer will das wissen?«, entgegnete sie, so borstig, wie sie es
im Dorf gelernt hatte. »Und was sucht so ein Auto in der
staubigsten Gegend des Landes? Hast du dich verfahren?«
Der Mann lachte leise. Es war ein offenes Lachen, und für einen
Moment verlor das helle Blau seiner Augen seine
Schärfe.
Er sah sie an, als hätte er sie gefunden, ohne nach ihr gesucht
zu haben. Ihre abweisende Art störte ihn nicht im Geringsten,
im Gegenteil, sie schien ihn zu amüsieren.
»Vielleicht ein bisschen«, gab er zu und neigte den Kopf. »Ich
bin Constantin.« Er hielt kurz inne, und sein Lächeln wurde
eine Spur weicher. »Aber du kannst mich Tino nennen. Verfahren
habe ich mich eigentlich nicht. Ich habe nur die Autostrada
verlassen, weil mir das ewige Geradeausfahren auf die Nerven
ging. Und dann sitzt hier jemand, der aussieht, als würde er
die Ruhe hier genauso hassen wie ich.«
Constantin. Der Name klang fremd und groß, nach einer Welt weit
jenseits der Dorfgrenzen. Tino dagegen klang nah, fast harmlos.
Jessica merkte, wie ihre Abwehr nachließ, und das gefiel ihr
nicht. Mehr als dieses Misstrauen hatte sie nie gehabt. Er
behandelte sie nicht von oben herab. Er wollte ihr keine
Standpauke halten wie die Erwachsenen im Dorf. Er sah sie
einfach an, als wäre sie interessant, und das war so selten,
dass es sie misstrauisch machte.
Tino lehnte sich zurück und deutete mit dem Kinn auf den leeren
Beifahrersitz. »Die Klimaanlage läuft. Ich wollte mir im
nächsten Ort etwas Kaltes holen. Willst du mit? Weg von dieser
Bushaltestelle.«
Jessica sah auf das glänzende Auto, dann zurück in die Richtung
des Dorfes, in dem schon jetzt jemand hinter einer Gardine
stand und zusah. Das wusste sie. Und morgen würde es heißen,
die Marino sei in einen fremden Wagen gestiegen, mitten am Tag.
Sie würden recht haben, und es würde ihr egal sein.
Das hier war verrückt. Alles daran war falsch. Ein fremder
Mann, ein fremdes Auto, genau das, wovor man Mädchen wie sie
warnte. Trotzdem bekam sie das Gefühl nicht fort, ihn auf eine
unmögliche Weise bereits zu kennen.
Es war nicht Vertrauen, das sie aufstehen ließ. Vertrauen wäre
dumm gewesen. Es war etwas anderes, etwas Hässlicheres und
Stärkeres. Der Gedanke, dass jeder Ort besser war als dieser,
jeder Fehler besser als das Sitzenbleiben, jedes fremde Auto
besser als noch ein Tag unter den Gardinen von Salignano.
Sie stand auf, warf die Tasche über die Schulter und ging auf
den Wagen zu. Sie öffnete die schwere Beifahrertür, und kühle
Luft schlug ihr entgegen. Sie roch das teure Leder und darunter
einen fremden Duft, den sie nicht benennen konnte. Sie stieg
ein, ließ sich in den weichen Sitz sinken und zog die Tür
zu.
»Jessica«, sagte sie und versuchte, ihrer Stimme einen lässigen
Klang zu geben. »Ich heiße Jessica.«
Tino legte den Gang ein und sah sie kurz von der Seite an. Als
sie ihren Namen sagte, veränderte sich etwas in seinem Blick.
Nur ein winziges Innehalten, so klein, dass sie es fast übersah
und sich später nicht würde erklären können.
»Schön, dich kennenzulernen, Jessica«, sagte er. »Dann lass uns
hier verschwinden.«
Der Wagen rollte an, und mit jedem Meter verlor Salignano an
Gewicht. Zum ersten Mal seit Langem fühlte Jessica etwas, das
beinahe Hoffnung war.
Sie sah nicht zurück.